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Passion 1993 - 2001
Eine Bilderreihe von 2-teiligen quadratischen Ogrody-grün Gemälden meistens in den
Formaten 2,50 x 2,50 m die jeweils nach der Vorlage von reelen, meist ottonischen
Kruzifixen gemalt wurden.
Aus einer Rede für die Vernissage in der St. Lamberti-Kirche, Oldenburg, 1998:
Die Bilder, Bestandsaufnahme
Zwei große Altarbilder zeigen den toten Christus auf 250 x 250 cm.
Technik: Ogrody auf Leinwand mit grünen Tinten, teilweise gespritzt auf den Malgrund gebracht.
Und dann diese grünen Bilder, Ogrody. Seit 1993 sind sie ein Patent des Künstlers,
eingetragen seit dem Juli 1998, Grüne, schwarze und weiße Tuschen auf Leinwand.
Die Farbe wird nur in homöopathischen Dosen verwendet, sagt Gassmann, und nur zu
besonderen Zeiten. Diese Bilder scheinen kein Alltagsgeschäft zu sein. Ein grünes
Christusbild hängt seit Januar dieses Jahres in der Neustädter Hof- und
Stadtkirche St. Johannis in Hannover.
Das Christusbild
Auf den hier gezeigten Bildern wirkt die Christusfigur schwebend, gleitend und flächig.
Es fällt seine labile, weiche Form ins Auge. Die Extremitäten tauchen in die Farbe
und wieder auf. Sein Haupt ist geneigt, der Rumpf gebeugt und die Füße stehen
leicht nebeneinander. Die Konturen der Licht-Schatten-Figur sind fließend.
Es ist kein Kreuz zu sehen, noch Assistenzfiguren. Das Bild gibt keinen Boden an, keinen Himmel,
keine Erde. Der Christus ist pur in dieser Fläche, vor dieser Fläche.
Der Stil, die Maltechnik wird hier zum Medium des Verstehens. Seine Oberflächenstruktur
monochrom grün erinnert an planetares, fossiles, besitzt kraterhaftes, in einer
Sehmöglichkeit, die von der eigenen Umwelt bis zum Universum ausgehen kann.
Ein Grün wie das blau von Yves Kein. "IKB³. International Klein Blue. Ebenso patentiert.
Die hauchdünnen Lasuren der Tinten gehen vom Schwarz zum Grün, zum Weiß, zum Grün im
Grün. Das Schwarz ist die tiefliegendste Schicht und das Helle die Oberste.
Gassmann arbeitet von unten nach oben im Negativ-Verfahren.
Wie Picasso in seinen Lithos zu "Toros y Toreros³. In dieser Lithographenflächigkeit
entsteht eine große Transparenz und Durchlässigkeit. Ich denke an Sedlmayr, wie er in der
Architektur der gotischen Kathedrale spricht von "diaphaner Struktur³, dem Durchscheinenden und
Durchsichtigen.
Das schenkt der Christusfigur eine Größe in der Unendlichkeit. Mit dem Urgrund passiert ein
Eins-Sein und eine Verschmelzung. William Turner spricht vor den Bildern
Rembrandts bewundernd von der "mystic shell of colours³. Eine solche mystische Farbenhülle,
vielleicht Farbengrund sehe ich auch hier.
Eine Annäherung
Jacques Gassmann verzichtet auf das essentielle Zeichen des Kreuzes. Er löst die
Christusgestalt vom Kreuz, was hier wörtlich zu nehmen ist: Seine Urbilder sind ganz
bestimmte Ottonische, gotische und zeitgenössische Kruzifixe.
Im Anblick der Körperhaltungen, des wie umarmenden Herabgleitens denke ich an die
Kreuzabnahme von Antelami im Dom zu Parma. Wie die Hand de herabgleitenden, rechten Armes
sich auf das Haupt Mariens legt, vom Engel geführt und wie die Last des Körpers von
Nikedemus aufgenommen wird.
Im Anblick der schemenhaften Schmächtigkeit des Corpus denke ich an die
Pietá Rondanini, die letzte Arbeit Michelangelos. Wie nach den muskulösen Athletengestalten
diese schmale Christusfigur in ihrer körperlichen Konsistenz nunmehr die Idee des Christus
vor dem Schoß der Mutter ausspricht.
Ich verfolge in meinen Gedanken einen Vergleich zu den Arbeiten von Arnulf Rainer.
Arnulf Rainer wählt einen ganz bestimmten, als Kultbild hochverehrten Kruzifix aus,
den Gero Kruzifix und denjenigen aus St. Georg zu Köln. Er übermalt ihn, malträtiert ihn,
schindet ihn und vollzieht somit eine zweite Passion. Das ist eine atemberaubende Möglichkeit,
die Passion heute darzustellen, und streitbar.
Jacques Gassmann geht anders vor. Er wählt einen Kruzifix, dessen Identifizierung
fast zweitrangig wird, löst ihn aus seinem materiellen und medialen Kontext und
gestaltet ihn aus der Tiefe nach vorn. Also kein Umgang mit einem bestimmten Christusbild und
keine Übermalung wird durch den Künstler vorgenommen.
Im Ersten scheint die Gestalt des Christus in Auflösung begriffen zu sein.
Die Konturen verweben sich mit dem Untergrund. Auch die Binnenfläche verwebt sich mit dem
Grund. Ich denke an das non finito, das Unvollendete in der bildenden Kunst.
An Schuberts "Unvollendete³, an Michelangelos non finiti, an Rodin, an alles
Fragmentarische, das gleichwohl vollendet ist, weil die Idee zum Werk vollendet ist.
Ogrody heißt Garten auf Polnisch im Singular wie im Plural. Gassmann hat diesen Begriff für
sich als Technik requiriert und zum Sonderprogramm gestaltet.
Wie weit der Begriff Garten zu spannen ist, mag man im Sakralen und im Profanen
horizontal und vertikal gleichermaßen begreifen.
Grün heißt Leben und ist die älteste Symbolfarbe, nicht nur im kirchlichen Kontext.
Ich begreife über das Medium die Farbe und über diese dezidierte maltechnische
Vorgehensweise, den werkkünstlerischen Prozess, die Aussage; den irdisch gestorbenen
Christus als Leben, als Heiler, der sich uns zuneigt.
Ich habe das Gespür, um das Wort "ich glaube³ zu vermeiden, ich habe also die
feste Vorstellung, dass Jacques Gassmann im Prozess des Heutigwerdens der Kirche für die
bildende Kunst eine ganz wesentliche Rolle spielt und spielen wird.
Prof. Dr. Melanie Luck- von Claparede, Oldenburg, 1998
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